Archiv für die ‘Der mazedonische Knoten’ Kategorie

Die Informationen aus diesem Buch, basieren auf unveröffentlichten Aktenbeständen des Politischen Archivs des deutschen Auswärtigen Amtes aus dem Zeitraum 1878-1914

Die drei Nachbarstaaten Mazedoniens schlossen sich zum Balkanbund zusammen.

Man kann nicht sagen, sie hätten sich trotz aller ihrer sich gegenseitig ausschließenden – weil gleich gerichteten – Interessen „zusammengerauft”. So sah es nur nach außen hin aus. Ohne das Interesse der Entente-Mächte am Balkan, vielmehr an zusätzlichen Komplicen für ihren großen Kriegsplan, hätten die Balkanstaaten auch dieses Mal keinen gemeinsamen Nenner finden und den Angriffskrieg gegen das Osmanische Reich nicht wagen können. Aber seit der Tripel-Entente 1907 und seit Reval 1908 stand mehr auf dem Spiel.
Der Einsatz der Großmächte in diesem Spiel war Mazedonien. Das mazedonische Land und Volk wurde von der Entente „zum Abschuss frei gegeben”, um die Balkanstaaten auf dem Umweg über ihre Landgier an die Entente zu ketten und damit den südlichen Ring um die beiden deutschen Staaten zu schließen.
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Es hatten sich in den Akten bereits mehrfach Bestätigungen für die Annahme finden lassen, dass die Balkanstaaten sich wegen ihrer identischen Ziele kaum auf eine gemeinsame Allianz würden einigen können. Wie der Kaiserliche Botschafter in Rom, Graf Solms, berichtete, teilte auch der italienische Min.Präs. Crispi diese Einstellung:

„Herr Crispi sagte mir, er glaube nicht an eine Griechisch-Serbisch-Montenegrinische Allianz. Das Hindernis für solche Balkanallianzen sei Macedonien, welches Serbien, Bulgarien und Griechenland gleichmäßig als ihr Erbe betrachten.”
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Offenbar war es für den russischen Außenminister eine Selbstverständlichkeit, von ‘Mazedonien’ zu sprechen, wenn er Mazedonien meinte, und nicht etwa von Bulgarien oder Südserbien und schon gar nicht von Griechenland, nicht einmal von der Türkei; und er war objektiv genug, den Ausdruck ‘nationale Vereine’ zu benutzen, womit er als Kenner der Lage in erster Linie nur die mazedonischen Komitees gemeint haben kann.
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Offensichtlich hatten sich aber dynastische Absprachen ausgewirkt, die weitere Staatsbildungen, – in Mazedonien, Thrazien, und Epirus – verhindern sollten, um den benachbarten Königreichen, in erster Linie Griechenland, die Chance einer „Arrondierung” ihrer Territorien zu ermöglichen.

Die Informationen aus diesem Buch, basieren auf unveröffentlichten Aktenbeständen des Politischen Archivs des deutschen Auswärtigen Amtes aus dem Zeitraum 1878-1914

Diese Vorgänge sind, wie schon mehrfach angeklungen ist, untrennbar mit der mazedonischen Frage und der weiteren Entwicklung auf dem Balkan verbunden. Thematisch näher liegt die unmittelbare Konsequenz der Entscheidung des Berliner Kongresses für Mazedonien, wie Imanuel Geiss sie beschreibt:

„Durch die Rückgabe Makedoniens an die Türkei vertagte der Berliner Kongreß noch einmal den großen Balkankonflikt um diese Region, vielleicht nicht ahnend, an welchen Abgründen entlang sich in dieser Frage Europa bewegte. Makedonien erwies sich nämlich später als der große Konfliktstoff …”

Deutlicher kann das Scheitern des Berliner Kongresses in Bezug auf die Nichtachtung der Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit auch derjenigen Völker, deren Gebiete an die Türkei zurückgegeben wurden, nicht beschrieben werden. Nur wegen der dynastischen Gefälligkeitserwägungen gingen die Großmächte rücksichtslos und in imperialistischer Manier über den Wunsch nach Ausübung des Selbstbestimmungsrechts von weiteren vier Völkern hinweg. Lediglich Albanien erlangte nach den Balkankriegen 1913 seine Unabhängigkeit. Mazedonien erstand nach der Zwischenlösung im kommunistischen Jugoslawien erst 1991 auf einem Teilstück seines früheren Territoriums in Freiheit, während zwei Völker, Thrazier und Epiroten, völlig untergingen.

Die Informationen aus diesem Buch, basieren auf unveröffentlichten Aktenbeständen des Politischen Archivs des deutschen Auswärtigen Amtes aus dem Zeitraum 1878-1914

    Diese Vorgänge sind, wie schon mehrfach angeklungen ist, untrennbar mit der mazedonischen Frage und der weiteren Entwicklung auf dem Balkan verbunden. Thematisch näher liegt die unmittelbare Konsequenz der Entscheidung des Berliner Kongresses für Mazedonien, wie Imanuel Geiss sie beschreibt:

    „Durch die Rückgabe Makedoniens an die Türkei vertagte der Berliner Kongreß noch einmal den großen Balkankonflikt um diese Region, vielleicht nicht ahnend, an welchen Abgründen entlang sich in dieser Frage Europa bewegte. Makedonien erwies sich nämlich später als der große Konfliktstoff …”

    Deutlicher kann das Scheitern des Berliner Kongresses in Bezug auf die Nichtachtung der Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit auch derjenigen Völker, deren Gebiete an die Türkei zurückgegeben wurden, nicht beschrieben werden. Nur wegen der dynastischen Gefälligkeitserwägungen gingen die Großmächte rücksichtslos und in imperialistischer Manier über den Wunsch nach Ausübung des Selbstbestimmungsrechts von weiteren vier Völkern hinweg. Lediglich Albanien erlangte nach den Balkankriegen 1913 seine Unabhängigkeit. Mazedonien erstand nach der Zwischenlösung im kommunistischen Jugoslawien erst 1991 auf einem Teilstück seines früheren Territoriums in Freiheit, während zwei Völker, Thrazier und Epiroten, völlig untergingen.

Die Informationen aus diesem Buch, basieren auf unveröffentlichten Aktenbeständen des Politischen Archivs des deutschen Auswärtigen Amtes aus dem Zeitraum 1878-1914

    Die Mazedonier dringen auf Erfüllung der türkischen Verpflichtungen

    Die relative Unergiebigkeit der Österreich betreffenden Akten jener Jahre zum Thema Balkanbund lässt an dieser Stelle Raum für den Einschub weiterer chronologischer Berichte, die der Verf. nicht den Originalbänden des Politischen Archivs entnommen hat, sondern den nach dem Ersten Weltkrieg ausgewählten und gedruckten Berichten der über fünfzig bandigen Sammlung „Die Große Politik der Europäischen Kabinette”, deren Themenkreis (im Gefolge des Art. 231 des Versailler Kriegsvertrages) naturgemäß viel weiter gefasst worden war, als der relativ überschaubare Komplex des Balkanbundes,- obwohl sich rückblickend herausstellt, dass eine eingehendere Berücksichtigung der Akten über den Balkanbund und die Balkankriege für die Prüfung der Frage der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands sehr lohnenswert gewesen wäre.

    Die zitierten Berichte sind geeignet, das bisherige Bild abzurunden, Z.Β. berichtete der Geschäftsträger in Konstantinopel, sein österreichischer Kollege habe ihm in einem vertraulichen Gespräch eröffnet, dass…
    „die Bestrebungen der Mazedonier hinsichtlich der politischen Autonomie Mazedoniens eine für die Pforte drohende Gestalt” gewännen.

    Es soll nur am Rande nochmals darauf hingewiesen werden, dass der österreichische Botschafter nicht von den bulgarischen oder serbischen oder griechischen Mazedoniern, sondern schlicht von den Mazedoniern sprach, – und zwar von jenen, die nach ihrer politischen Autonomie strebten. Trotz der gegenteiligen Behauptungen der heutigen Nachbarstaaten war diese „normale” Bezeichnung seinerzeit selbstverständlich. Wie in der Einführung dargestellt, begründeten…

    „die Mazedonier ihre Forderungen gegenüber der Türkei mit dem Art. 23 des Berliner Vertrages,demzufolge die Pforte in ihren europäischen Provinzen Selbstverwaltungsstatute mit Hülfe von aus Einheimischen zu bildenden Kommissionen einführen sollte.”

    Es ist beachtlich, wie nahe die Mazedonier und mit ihnen die Bewohner der anderen drei türkischen Provinzen wieder einmal dem Status der Autonomie gerückt waren, mit dem auch alle anderen Balkanstaaten einmal die Stufenleiter zur Unabhängigkeit begonnen hatten. Für einen Erfolg hätte es allerdings zweier unerlässlicher Voraussetzungen bedurft:

    1.Das Osmanische Reich hätte seinen international schriftlich zugesagten Verpflichtungen nachkommen müssen.
    2.Die Großmächte hätten ständig wachsam sein, auf Vollzug drängen und kontrollieren müssen.

    Beides ist nicht erfolgt. Was den erneuten Vertragsbruch der Türkei betrifft, so ist häufig auf die Begründung für das türkisch/islamische Verhalten hingewiesen worden. Was dagegen die befremdliche Zurückhaltung der Großmächte betrifft, so muss als Begründung wiederholt werden, dass sie auf die Intervention der Königshäuser zurückging.Aus Verbitterung über diese Zurücksetzung sahen sich die Mazedonier gezwungen,wieder einmal über andere – gewaltsame – Wege zur Autonomie nachzudenken.
    Gefördert wurde diese Bewegung noch durch das Bekanntwerden der Information, dass England, unterstützt von Russland und Frankreich, sich beim Sultan zugunsten der kleinasiatischen Armenier eingesetzt hatte.
    Das war für das gequälte armenische Volk sicherlich eine berechtigte, verständliche und willkommene Ermutigung. Aber warum nicht für die Mazedonier! An dieser Enttäuschung setzten die Planungen ein, die einige Jahre später, 1903, zum llinden-Aufstand führten. Der Bericht enthält noch weitere aufschlussreiche Aspekte, denn es heißt dort:

    „Diese mazedonische Agitation findet ihren Rückhalt in Bulgarien, und an diesem Zustande können die ermahnenden Worte des Fürsten Ferdinand nichts ändern.”
    Die „ermahnenden Worte des Fürsten” erläutert eine Fußnote:
    „Am 22. April [1895] hatte Fürst Ferdinand auf eine ihm von einer mazedonischen Deputation überreichte Adresse eine ablehnende und die Agitation der bulgarisch-mazedonischen Komitees verurteilende Antwort gegeben.” Mit anderen Worten:
    Es war eine mazedonische Delegation vor dem bulgarischen Fürsten erschienen, nicht etwa irgendeine Delegation „aus” Mazedonien. Warum das bulgarische Staatsoberhaupt deren Ansinnen ablehnte, ist in dieser Arbeit bereits in zahlreichen Äußerungen und Begründungen nachgewiesen worden. Dass Ferdinand die Agitation der „bulgarisch-
    mazedonischen Komitees” verurteilte, war deswegen zu erwarten, weil ihm geläufig war, dass die Komitees (und zwar auch das bulgarische!!) für eine mazedonische Autonomie und nicht etwa für die bulgarische Expansion eintraten. Die damalige, bulgarische Führung versuchte, wie die heutige, die mazedonischen Komitees wegen ihres geographischen Sitzes in Sofia politisch und ethnisch für sich zu vereinnahmen. (Dieselbe Strategie wurde heimtückischerweise auch beim Ilinden-Aufstand angewandt:
    In Kruševo wurden bulgarische Fahnen hochgezogen und bulgarische Lieder angestimmt, um auf diese Weise den mazedonischen Aufstand als bulgarisch umzufunktionieren.
    Nicht ohne Erfolg, denn die europäische Presse war vielfach auf dieses Täuschungsmanöver hereingefallen.) In dem Bericht hieß es weiter:
    „Hunderttausende von Leuten bulgarischen Stammes sind in Mazedonien und etwa 60 000 Mazedonier in Bulgarien seßhaft.”
    Unabhängig von den erwähnten Zahlen ist die Selbstverständlichkeit hervorzuheben, mit der der Vertreter Österreichs, also desjenigen Landes, das jahrhundertelang nicht nur Gegner, sondern auch Nachbar des Osmanischen Reiches war und sich in dieser Zeit aus erster Hand über die Verhältnisse in der Türkei informieren konnte, fein säuberlich Mazedonien und Bulgarien, folglich Mazedonier und Bulgaren, als verschiedene Länder und Völkerschaften unterscheidet.
    Interessanterweise wird aus dem Text ersichtlich, dass die bulgarische Bevölkerung -anders, als ihre machthungrige Regierung – sehr wohl Sympathien für die mazedonische Autonomiebewegung empfand und durch gemeinsame Aktivitäten zum Ausdruck brachte.

    Die abschließende Bemerkung des österreichischen Botschafters („Es ist verständlich, daß anbetrachts dieser Zustände [d. h. „der mazedonischen Agitation"] die ottomanischen Beamten in Mazedonien mit der politisch unsicheren Bevölkerung nicht glimpflich verfahren.”) wirft nochmals ein Licht auf die damaligen menschenverachtenden Zustände in der Türkei. Wehe dem, der sich auf international verbriefte Rechte berief!

Die Informationen aus diesem Buch, basieren auf unveröffentlichten Aktenbeständen des Politischen Archivs des deutschen Auswärtigen Amtes aus dem Zeitraum 1878-1914

    Elemente des Ränkespiels der Entente

    Die Lage am Vorabend des Balkankrieges stellte sich so dar, als ob die Großmächte diverse Anstrengungen unternähmen, um die Krise doch nicht zum Ausbruch kommen zu lassen.
    Die Großmächte? Ja, anscheinend – oder etwa nur scheinbar? In Anbetracht der allgemeinen Aufregung über den sich anbahnenden Konflikt im „balkanischen Orient” sowie ihrer nach außen hin gemeinsam von allen Mächten betriebenen menschenfreundlichen Politik der Friedensbewahrung gerät allzu leicht in den Hintergrund, dass seit der Bildung des Zweibundes 1879 (und später des Dreibundes) sowie mit der Entente 1904 und erst recht mit der Tripel-Entente 1907 eine totale Umwälzung der Beziehungen zwischen den Großmächten stattgefunden hatte. Mit der britisch-russischen Geheimabsprache in Reval 1908 hatte die Tripel-Entente ferner das alte englische konkrete Ziel fixiert, das die Entente von nun an unbeirrbar verfolgte, bis die Planung am 31. Juli und am 4. August 1914 in die Tat umgesetzt wurde -und zwar mit allen Mitteln!
    Die Aufgabe und die Kunst der Entente bestand darin, trotz des unabänderlichen Bestrebens
    zur Verwirklichung des destruktiven Ziels, Österreich zu provozieren, einen Krieg zu beginnen, gleichzeitig den harmonischen Anschein zu erwecken, die Kluft zwischen den beiden „Blöcken” zuschütten, die Differenzen einebnen und neue, freundschaftliche Beziehungen aufbauen zu wollen, – und zwar kreuz und quer über die Gräben hinweg, um den Eindruck eines Klimas der Zusammenarbeit und des Vertrauens zwischen allen Großmächten zu schaffen.
    Im Windschatten dieses neuen Klimas wird die Entente ihren Hegemonie-Plan, bzw. ihren Rachefeldzug ausführen.

    Mazedonien, Thrazien usw. wurden in diesem Spiel durchaus gebraucht, – aber nur als Bauernopfer der Entente-Mächte. Die Monarchen der Entente, jahrzehntelang von Griechenland, genauer: vom griechischen König Georg, bedrängt, erwarben für ihre weitergehenden Pläne gegen Österreich und Deutschland durch die Opferung der Freiheit dreier Völker die Gefügigkeit der Balkanstaaten und ihre Mitgliedschaft im Balkanbund. Hierfür verscherbelten sie bedenkenlos die mögliche Autonomie und Unabhängigkeit
    der Thrazier, Mazedonier und Epiroten und warfen sie den Balkanstaaten
    als Preis im Interesse ihres „höheren” Zieles, der Auslösung eines großen Krieges, vor.

Die Informationen aus diesem Buch, basieren auf unveröffentlichten Aktenbeständen des Politischen Archivs des deutschen Auswärtigen Amtes aus dem Zeitraum 1878-1914

    Solun/Saloniki – eine griechische Stadt?

    Obwohl die deutsche Gesandtschaft in Athen fast nur schlechte Nachrichten über den Zustand der griechischen Armee, die unzureichende Ausrüstung, die mangelhaften Transportmittel und sogar über den mangelnden Enthusiasmus der Soldaten zu übermitteln hatte, konnte der Geschäftsträger bereits Ende Oktober zur Überraschung aller vermelden, dass „die Ereignisse … sehr schnell vorangeschritten (sind) und Griechenland … einen Erfolg nach dem anderen zu verzeichnen (hat).” Auch Bulgarien, das die Hauptlast des Krieges trug, war anfangs siegreich, als es Thrazien besetzte und Adrianopel belagerte. Aber vor der Tschataldscha-Linie, dem türkischen Festungswerk (auf der Basis der byzantinischen Anlagen) rund um den Großraum Konstantinopel, blieb der bulgarische Vormarsch stecken. Serbien nahm Skopje, Bitola, Durazzo und den Sandschak mit Novi Pasar ein. Griechenland eroberte zum großen Ärger der Bulgaren zusätzlich auf eigene Faust und außerhalb der Vereinbarung auch noch Epirus und besetzte Saloniki.

    Saloniki, das alte mazedonische Solun, hat nicht nur im letzten Drittel des 19. und am Anfang des 20. Jh.s eine große Rolle im politischen und militärischen Ringen gespielt. Obwohl es 1913 durch Eroberung in griechische Hände überging, stellte diese Stadt auch am Ende des 20. Jh.s, nach 1991, einen neuralgischen Punkt in den neuen mazedonisch-griechischen Beziehungen dar.
    Als ein paar mazedonische Schreihälse im Überschwang der neu errungenen Unabhängigkeit der Republik Mazedonien nach Rückkehr der alten slawischen Stadt Solun riefen, wäre ein gewisses Maß an griechischer Aufregung vielleicht verständlich gewesen, – aber die Hysterie, die daraufhin in ganz Griechenland ausbrach, sicherlich nicht; zumal solche Entgleisungen angesichts der demokratischen Verfassung der Republik Mazedonien sowie des Schutzes der EU und NATO für Griechenland der Lächerlichkeit anheimfielen. Gleichwohl kamen der griechischen Regierung Misstöne dieser Art gerade recht, konnte sie doch mit ihrer Hilfe – zusammen mit der orthodoxen Kirche – ein Exempel an dem ungeliebten neuen Staat in ihrer Nachbarschaft statuieren, (mit dem man sich noch keineswegs so bequem eingerichtet hat, wie seinerzeit mit dem kommunistischen Jugoslawien, obwohl die heutige Republik Mazedonien seit der Gründung des Bundesstaates Jugoslawien 1944 denselben Namen in denselben Grenzen trägt). Griechenland hat Mazedonien vor der Welt diskreditiert wo immer es möglich war und dabei gleichzeitig Stimmung für das „griechische” Thessaloniki gemacht.

    Einen Vergleich mit ihren eigenen ca. 150 Jahre langen Rufen nach Rückkehr Konstantinopels ins Reich der Hellenen halten die Griechen für verfehlt: jene Rufe gingen schließlich in Richtung Türkei, womit sie als etwas völlig anderes deklariert werden. Hierzu kann ein Beispiel aus der damaligen Zeit beigesteuert werden: Nachdem es Kronprinz Konstantin gelungen war, das albanische Süd-Epirus von den Türken zu erobern, brach ein unbeschreiblicher Jubel in Athen aus. Das griechische Volk wollte in Abwesenheit des „Generalissimus”wenigstens der Gemahlin des „Siegreichen” seine Ovationen darbringen. In einem Auflauf vor dem Palais der Kronprinzessin Sophie schloss der Bürgermeister seine Ansprache mit Hochrufen – und den Worten: „Und dann in Konstantinopel.”
    Übrigens drückte bei dieser Gelegenheit auch der Vorsitzende des Epirotischen Vereins in Athen „seinem Befreier und künftigen König” „die Dankbarkeit des epirotischen Volkes” aus, – in Athener Augen ein unschlagbarer und unwiderleglicher Beweis für die ganze Welt, dass Epirus „schon immer” griechisch gewesen sein muss!
    Aber wehe, wenn in den Medien der Republik Mazedonien Fotos des berühmten „Weißen Turms” aus dem ehemaligen Solun oder eine Landkarte mit den historischen Grenzen Mazedoniens vor 1912 gezeigt wurden! Dann brach in Griechenland jedes Mal ein (organisierter) Sturm der nationalen Entrüstung los: Was für eine unerhörte Provokation sei den Mazedoniern eingefallen, in ihrer „Republik von Skopje” das Bildnis eines Bauwerks aus einer Stadt des erhabenen Hellas zu missbrauchen, das nicht das geringste mit einem Nachfolgestaat Jugoslawiens zu tun habe!

    Diese simplification terrible schreit geradezu nach einigen Zitaten aus einschlägigen Dokumenten. Nach der griechischen Propaganda sollte man – damals wie heute -denken, dass Griechenland mit Saloniki eine griechische Stadt erobert, bzw. sogar zurückerobert habe. Wie aber stellte sich die Realität dar?

    Die Hohe Pforte hatte in geheimer Mission eine Delegation, bestehend aus dem bisherigen „türkischen” Abgeordneten von Saloniki, Honeos, (nach der griechischen Eroberung der Stadt war dessen Mandat erloschen) und dem Journalisten Vokraftyros nach Athen entsandt, um die Haltung der griechischen Regierung zu einer „späteren Konföderation der Balkanstaaten unter der Hegemonie des Sultans zu sondieren.” Unbelehrbar! Dass sich der Sultan und sein Großwesir nach wie vor der grotesken Hoffnung hingaben, die Zulassung der Türkei zum Balkanbund sei möglich, sofern „die Türkei sich … harten Friedensbedingungen” unterwürfe, kann nur durch einen totalen Realitätsverlust erklärt werden. Der Großwesir träumte weiter von der „Creierung eines Balkanbundes mit der Türkei”, obwohl inzwischen die Bulgaren mit der Pforte sogar Verhandlungen über die Räumung Adrianopels aufgenommen hatten. Der griechische Ministerpräsident, der schlaue Kreter Venizelos, beschied jedenfalls den türkischen Abgesandten hinhaltend. Warum sollte er einen türkischen Plan ablehnen, der ohnehin nie zustande kommen würde. Honeos kehrte mit dem Eindruck zurück, dass
    „die übertriebenen Ansprüche Bulgariens und Serbiens den Friedensschluss, welcher dem saturierten Griechenland erwünscht sei, erschwerten.” Wie bitte?
    Griechenland war schon mit der Eroberung des Süd-Epirus und Salonikis „saturiert”? Das kann nur heißen, dass der Gebietszuwachs um (Süd-)Epirus und um Saloniki mit seinem Hafen den Griechen als Kriegsziel völlig ausreichte. Von dem übrigen Mazedonien keine Rede !

    Wieder ein überraschender Fall von Ironie der Geschichte. Damals, ein paar Tage vor dem Waffenstillstand (am 3. 12. 1912) und vor dem Beginn der beiden Londoner Balkan-Konferenzen am 18.12.1912 ahnte Griechenland nicht, dass es noch einen zweiten Balkan-Krieg geben würde und dass in ihm noch viel mehr fremdes Land als Beute für Griechenland herausspringen würde, – nämlich die Hälfte des mazedonischen Territoriums und dazu auch noch West-Thrazien! Daraus folgt andrerseits, dass auch in jenem Stadium der Entwicklung noch Chancen für eine Autonomie Mazedoniens bestanden und dass die Mazedonier in dem Falle noch ein größeres Stück ihres Landes hätten bewahren können als 1944 oder 1991, -wenn auch ohne Saloniki.

    Es liegt ganz auf der Linie der bisherigen griechischen Strategie, wenn der türkische Ex-Deputierte Honeos ferner mit der Information nach Konstantinopel zurückkehrte, dass es im Interesse Griechenlands läge, sofern die Türkei durch anhaltenden Widerstand an der bulgarischen und serbischen Front eine Schwächung dieser Gegner erreiche!
    Es kann nicht im geringsten der Eindruck des Herrn Honeos verwundern, „dass unter den Balkanstaaten keinerlei Verständigung über die zukünftigen Gebietserweiterungen bestehe;” (a.a.O.) Denn diese Entwicklung haben alle, ausnahmslos alle Staatsmänner der Region, wie auch sämtliche ausländischen Beobachter der Großmächte seit Jahrzehnten vorausgesehen. Es konnte auch gar nicht anders sein: Denn keinem der Nachbarstaaten gehörte auch nur ein kleines Stück Mazedoniens, – also stritten sie sich darum, von diesem fremden Territorium einen möglichst großen Anteil zu ergattern. Die Uneinigkeit über die Aufteilung war es dann auch, die im folgenden Jahr zu einer Fortsetzung des bewaffneten Konflikts (im 2. Balkan-Krieg) führte. So weit war es aber noch nicht.

    Dass der Raub Salonikis internationales Unrecht war, brauchte man den Griechen nicht zu erklären. Nur sprechen durfte man darüber nicht. Umso größer waren ihre Anstrengungen, um durch den Einsatz aller möglichen Tricks die Welt trotzdem glauben zu machen, dass dieses Unrecht durchaus griechischem Recht gleichkam. Hundert – genauer: neunzig – Jahre wirken wie weggefegt. Man könnte meinen, die Zeit sei damals stehen geblieben. So ähnlich, mehr noch, identisch, sind die damaligen und die heutigen griechischen Täuschungsversuche in Bezug auf die Geltendmachung ungerechtfertigter imperialistischer Ansprüche auf Mazedonien, auf seinen Namen und auf seine Geschichte.
    Daher lief die antimazedonische Propagandamaschine in Griechenland seit 1990 unter Min.Präs. Mitsotakis auch so reibungslos. Man hatte lange Übung!

Die Informationen aus diesem Buch, basieren auf unveröffentlichten Aktenbeständen des Politischen Archivs des deutschen Auswärtigen Amtes aus dem Zeitraum 1878-1914

Solun als deutsch-griechische Reibungsfläche

Im Rahmen solcher Anstrengungen schreckte Athen auch nicht vor schamlosem Missbrauch zurück. Bismarck war einer der wenigen, der es schon 25 Jahre vorher ausgesprochen hatte, dass er die Griechen jeder Missetat für fähig hielt. Spätestens in dieser Affaire gegenüber Deutschland begannen die Griechen Bismarcks Analyse zu bestätigen:

1.)
Nach der griechischen Einnahme Salonikis berichtete die Gesandtschaft in Athen über eine in die griechische Presse lancierte Falschmeldung, wonach der deutsche Kaiser angeblich seiner Schwester, der griechischen Kronprinzessin Sophie, aus diesem Anlass ein Telegramm mit einem „dreimaligen Hoch” geschickt haben soll. Nun hätte ein derartiges „Lob” auf privater Basis vom Soldaten Wilhelm zum Soldaten Konstantin dem Kaiser sogar ähnlich gesehen, aber für die vorliegende brisante Lage braucht der Verfasser nur den Monarchen selbst zu zitieren, der einmal in einem Bericht an den Rand einer ähnlichen Unterstellung in Bezug auf seine Person den folgenden Kommentar über sich schrieb: Nein, ein solcher Esel ist er nicht!
Gleichwohl setzte der griechische AM Coromilas das bekannte Schneeballsystem der Diplomatie konsequent fort, indem er die vermutlich selbst in die Welt gesetzte Falschmeldung wie ein Faktum behandelte und bei einer passenden Gelegenheit ausgerechnet dem deutschen Gesandten – und nur ihm gegenüber würde die Berechnung aufgehen die Fälschung als bare Münze ausgab, indem er ihm sagte:
„Er freue sich, diesem Telegramm entnehmen zu können, daß, Deutschland die Griechen als Herren von Saloniki anerkenne.”Wahrlich, brav getroffen! – Aber vielleicht doch ein Eigentor.

Da die Griechen es selbst am besten wussten, dass sie im Verlauf der vergangenen 2000-3000 Jahre noch niemals die „Herren von Saloniki” waren, brauchten sie das Zeugnis einer genügend respektierten und zugleich angesehenen Großmacht, der sie es zumuten konnten, mit Hilfe dieses Tricks vor der Weltöffentlichkeit die fehlende griechische Legitimation nachzuliefern. Sie konnten sich darauf verlassen, dass Kaiser Wilhelm II. sich zu schade sein würde, mit derselben Münze heimzuzahlen und dadurch das ihm verwandte Königshaus in Athen womöglich durch eine öffentliche Richtigstellung in Misskredit zu bringen. (Auch solche Zwickmühlen hatte Bismarck vorausgesehen.)
Die griechische Hinterhältigkeit hat der Gesandte von Quadt, der „natürlich gegen diese Unterschiebung lebhafte Verwahrung” einlegte, zwar durchschaut, er fügte aber schon damals, wie resignierend, hinzu:
„Alle diese kleinen Nuancen zeigen, mit welchen Mitteln Griechenland sich bemüht, seine Ziele zu erreichen.” Bis heute eine treffende, wenn auch viel zu höfliche Umschreibung.

So weit, so gut. Aber die „Eselei” hatte noch ein Nachspiel. Denn ein paar Wochen später stellte sich durch einen Bericht aus Konstantinopel heraus, dass die griechische Regierung dieses Mal völlig unschuldig war. Tatsächlich hatte Wilhelm seiner Schwester ein entsprechendes Telegramm geschickt. Besonders peinlich waren die Umstände, unter denen diese Information in die Öffentlichkeit geraten war. Der Botschafter hatte zwar beim Auftauchen des Gerüchts sofort ein Dementi im „Osmanischen Lloyd” abdrucken lassen, musste aber wenig später von seinem österreichischen Kollegen, dem Markgrafen Pallavicini, erfahren, dass „die Frau des hiesigen spanischen Gesandten, welche in Athen lebt, in einem Briefe von dort mitteilt, die Kronprinzessin von Griechenland habe ihr selber das Glückwunschtelegramm Seiner Majestät gezeigt.”
Bei der Lektüre dieses Berichts wurde der Kaiser (wie üblich: nur für kurze Zeit) ernstlich böse. Auf seine Schwester Sophie mochte er wohl nicht einhauen, obwohl sie die Schelte verdient hätte. Also bekam der arme Gesandte in Athen die volle Breitseite ab, wobei Wilhelm gleichzeitig die Verantwortung von sich selbst abzuwälzen versuchte: „Wenn mein Gesandter so ein Esel ist, daß er meine chiffrierte Gratulation, d. h. eine geheim bleiben sollende – sonst hätte ich sie nicht durch das sowieso indiscrete Ausw. Amt geschickt -, so dumm weitergiebt, daß sie publique wird, so soll ihn der Deubel holen, und er kann nach Guatemala verschwinden.”
(A.a.O.) Den eigentlichen Schaden aber hatte der Kaiser selbst zu tragen, denn die immer noch mit Deutschland befreundeten (und bald auch verbündeten!) Türken hätten ihre Schlüsse aus Wilhelms Sympathien für den Sieg seines Schwagers, der ihnen schließlich die Niederlage beigebracht hatte, ziehen können. Andrerseits war ihnen die verwandtschaftliche Beziehung seit langem geläufig – und in dieser Hinsicht waren sie keineswegs engstirnig. Darüber hinaus wird es zum „Fall Janina” noch ein weiteres Nachspiel geben, das die Belastung der deutsch-türkischen Beziehungen durchaus in Grenzen hielt.
Krokodilstränen vergossen dagegen ausgerechnet die Österreicher, die „ihre schmerzliche Enttäuschung über Wilhelms Telegramm” nicht verhehlten, da sie angeblich „Janina für Albanien zu retten” gesucht hätten.
Für Albanien? Einen solchen Dummkopf, der ihnen diesen durchsichtigen Vorwand abgenommen hätte, werden sie kaum gefunden haben.

Und die Griechen? Nutzten sie den Vorzug ihrer Unschuld für Prestigegewinne? Zunächst übten sie sich in Geduld, konnten aber nicht widerstehen, diesen Patzer auszunutzen und den Deutschen in einer Zeit zu schaden, als ihnen niemand mehr ein Dementi abgenommen hätte. Also erschienen einige Monate später, während des ersten Kriegsjahrs 1914 zwei Telegramme in der internationalen Presse, und zwar einmal mit einem protzigen Bericht des Kaisers hinsichtlich deutscher Siege über die Russen, ein anderes Mal mit Genesungswünschen an den schwer erkrankten Schwager „Dino” [Ist das nicht anerkennenswert?], – die aber nachweislich weder vom Kaiser verfasst, noch bei der (inzwischen) griechischen Königin Sophie eingegangen waren. Zurück zum Balkankrieg:

2.)
Die Propagandamaschinerie der Griechen lief weiterhin auf Hochtouren: die dynastischen Beziehungen Griechenlands zum deutschen Kaiserhaus sollten wie eine Zitrone ausgepresst werden. (Und wieder Bismarck … ) Zwei Wochen später berichtete Baron v. Wangenheim (aus Konstantinopel), dass die „Kronprinzessin von Griechenland den Winter in Salonik zubringen” solle, v. Wangenheims eindeutige Schlussfolgerung:
„Griechischerseits ist damit offenbar beabsichtigt, ein deutsches Interesse an dem Verbleib Salo-niks bei Griechenland zu konstruieren.” Selbstredend konnte den Griechen nur eine „Konstruktion” weiter helfen, denn einen natürlichen, historischen, rechtlichen, ethnischen oder sonstigen politischen Anspruch auf Saloniki konnten sie nicht nachweisen.
Vorsorglich hatte der umsichtige Botschafter einen „rechtzeitigen Wechsel des Aufenthalts” der Kronprinzessin nahegelegt. Vergeblich, die griechische Regierung blieb hart, von Wangenheim ließ ebenfalls nicht locker. Zwei Wochen später (schon im neuen Jahr, 1913) schickte seine Gattin ein (offenes) Telegramm an die Kronprinzessin nach Salonik, um ihr anzubieten, sie nach Berlin zu begleiten, wo sie „zum Geburtstag Seiner Majestät des Kaisers in seinem Jubiläumsjahr [25 Jahre Regierungszeit] erwartet werde.” Frau v. Wangenheim erhielt aber lediglich die Antwort: „Reise leider unmöglich”, woraus der Botschafter den Schluss ziehen musste, „daß auf Ihre Königliche Hoheit sehr starke Einflüsse ausgeübt werden, um sie an Salonik zu fesseln.”
Damals war der „Verbleib Saloniks bei Griechenland” keineswegs gesichert. Bei genügend nachhaltigem Einspruch der (oder einer der) Großmächte, hätte, wie oben erwähnt, Griechenland veranlasst werden können, seine Beute – wie es ihm in den vergangenen Jahrzehnten bereits mehrmals ergangen war – wieder heraus zu rücken. Die Geschichte Mazedoniens wäre völlig anders verlaufen – vielleicht sogar diejenige Serbiens, Österreichs, des Balkans und, wer weiß, Europas.

Doch waren 1913 die Fäden für die Auslösung der europäischen Katastrophe 1914 längst zu Tauen gedreht worden und so festgezurrt, dass die Frage: „Saloniki – griechisch oder nicht?” im Rahmen der gesamtbalkanischen und erst recht der gesamteuropäischen Situation nur noch marginal blieb. Zum Leidwesen der Mazedonier…

Die Informationen aus diesem Buch, basieren auf unveröffentlichten Aktenbeständen des Politischen Archivs des deutschen Auswärtigen Amtes aus dem Zeitraum 1878-1914

Gelegentlich drängt sich der Eindruck selbständigen Waltens der Geschichte auf: Oder wie soll man es anders bezeichnen, wenn König Georg nach seinen jahrzehntelangen beharrlichen, zeitweise (wie an anderer Stelle schon bemerkt) geradezu penetranten Anstrengungen auf dynastischer Ebene zugunsten Griechenlands in der Stunde seines Triumphs, zumindest Teil-Triumphs (denn vom 2. Balkankrieg und der Eroberung der Hälfte Mazedoniens konnte er nichts wissen) sechs Monate vor seinem 50-jährigen Regierungsjubiläum in jener Stadt, die das Erreichen eines wichtigen Ziels symbolisierte, Saloniki, ein plötzliches Ende fand? Am 18. März 1913 fiel König Georg I. in Saloniki einem Attentat zum Opfer.

Hatten die griechischen Militärs es so eilig, den Kronprinzen auf den Thron zu hieven? Zwar konnten die Behörden den Attentäter präsentieren, aber dass er einen griechischen Namen trug, war nun einmal nicht mehr zu korrigieren. Kein Problem: man konnte ihn ungestraft als bulgarischen Untertan identifizieren und somit den Verdacht und gleichzeitig den Hass auf den nächsten potentiellen Kriegsgegner, Bulgarien, lenken.
Jemand wusste sich sogar zu erinnern, dass der (mazedonische) Revolutionär, Jane Sandanski, schon zwei Wochen vor dem Königsmord in Saloniki ein Ereignis angekündigt habe, „welches alle Kombinationen über den Haufen werfen werde.”1065 Der Jargon könnte gestimmt haben. Auch hatten die Mazedonier, die im Balkankrieg bei allen kriegführenden Parteien jeweils dort mitgekämpft haben, wo ihnen die größten Versprechungen vorgelogen worden waren, Grund genug, dem griechischen König gram zu sein, – aber kannten sie überhaupt seine Aktivitäten, zumal nicht einmal die Mitglieder des griechischen Parlaments ständig über Georgs „Reise-Diplomatie” unterrichtet waren? Und welche „Kombinationen”, die das Los der Mazedonier geändert hätten, wurden durch seinen Tod „über den Haufen” geworfen? Nein, die Masche sah vielmehr nach einem Ablenkungsmanöver derjenigen aus, die wirklich ein plausibles Motiv für die Tat hatten …
Im übrigen wurde Sandanski als Bulgare bezeichnet (schon um die Wut der Griechen gegen Sofia zu richten), obwohl er Mazedonier war.
Dieser Fall kann als erneute Bestätigung für die von Torsten Szobries (wieder)-gefundene Erklärung genommen werden (vgl. die Ausführungen in Ziff. 1.2.2), dass es sich in der Zeit des jahrhundertelangen bulgarisch-griechischen Kirchenstreits eingebürgert
hatte, alle Christen/Rajah, die nicht Griechen waren, als Bulgaren zu bezeichnen.

Das Intermezzo zwischen dem Waffenstillstand und dem Friedensvertrag von London
In jenen Wochen begann die Öffentlichkeit den Stoßseufzer zu verstehen, den die „Wiener Sonn- und Montagszeitung” ausgestoßen hatte, als sie schrieb: Früher habe man diskutiert,

• „daß die Balkanstaaten sich zum Schutz vor auswärtigen Angriffsplänen zusammengetan hätten,” „gegenwärtig scheint man … eher in den Balkanstaaten den Herd der auf ganz Europa ausstrahlenden Unruhe zu suchen.”

Am 3. Dezember war es gelungen, einen Waffenstillstand zustande zu bringen. Eine der beiden daraufhin nach London einberufenen Konferenzen
„setzte sich aus Delegierten der Türkei, Serbiens, Bulgariens, Griechenlands und Montenegros zusammen,
die andere versammelte unter dem Vorsitz des englischen Außenministers Sir Edward Grey die Botschafter der europäischen Großmächte.”

Die mühsamen Verhandlungen zogen sich über Monate hin. Der Stein des Anstoßes, die „Makedonische Frage”, blieb allerdings unbehandelt. Selbstverständlich waren die Mazedonier als unmittelbar Betroffene wieder einmal nicht zugegen. Dazu haben es die dynastischen Absprachen erst gar nicht kommen lassen. Und wieso hätten die Mächte, die alle einverstanden waren, das Fell des mazedonischen Bären unter den Balkanstaaten zu verteilen, die Mazedonier noch zulassen sollen? Um ihr Todesurteil abzusegnen? So kann Stojćevski mit Recht beklagen, dass die „Makedonier bei wichtigen Verhandlungen … von den Großmächten übergangen wurden.”Die Verhandlungen in London scheiterten letztlich nach dem Staatsstreich der Jungtürken, die sich weigerten, „das noch verteidigte Adrianopel herauszugeben.” Nach Wiederaufnahme der Kämpfe am 3.2.1913

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